Energiepolitische Kernforderungen zur neuen Regierungskoalition

Jenseits des Lobbyismus: Auch auf Querdenker hören…

Vielfach finden auch energie- und klimapolitische Diskurse in sogenannten 'Echokammern' statt, in denen meist nur die Stimmen der eigenen Community zu hören sind.

Als Diskussionsplattform haben die ENERGIETAGE schon immer das Ziel verfolgt, das ganze Orchester hörbar zu machen. Und hier sind es oft die leisen Stimmen am Rande, die eine Bereicherung der Diskussionen bringen.

Einen ersten Vorgeschmack auf die Horizonterweiterungen im Kontext der Energietage finden Sie hier.

 

 

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  • Bild: DIW Berlin/Oliver Betke

    Prof. Dr. Claudia Kemfert | Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt beim DIW

    Oberste Priorität hat der Kohleausstieg: Er muss sofort (!) eingeleitet werden – und bis spätestens 2030 abgeschlossen sein. Der Anfang ist leicht, indem man die ältesten und ineffizientesten Kohlekraftwerke sofort abschaltet. Sie sind schlichtweg überflüssig und wurden die letzten Jahre nur aus Angst um Wählerstimmen laufen gelassen. Das hat eh nicht geklappt, jetzt kann man die CO₂-Schleudern auch abschalten.

    Nur so wird man das Klimaziel – 40 Prozent Emissionsminderung bis 2020 – überhaupt noch erreichen können, da alles andere deutlich länger als 2 Jahre dauert, aber unbedingt ebenso heute angegangen werden muss.

    Zwar braucht es zweierlei: Energieeffizienz von Gebäuden und eine nachhaltige Verkehrswende. Mit beidem könnte sich die neue Regierung leicht Sporen verdienen, denn hier liegt gleichzeitig Einspar- und Wachstumspotenzial. Wenn es gelingt, durch kluge Förderung die Heizkosten von Wohnungen zu senken, reduziert sich nicht nur die „zweite Miete“ Wohnnebenkosten, sondern profitiert auch die Baubranche. Und mit einer nachhaltigen Verkehrspolitik könnte die künftige Regierung nicht nur die Staus von den Straßen, sondern auch die in den Köpfen auflösen: Denn Ladestationen und Glasfasernetz, Carsharing und Industrie 4.0, E-Mobility und E-Learning sind aus dem gleichen Geist des 21. Jahrhunderts geschnitzt.

    Im nächsten Koalitionsvertrag könnten und müssten also Klimaziele und Kohleausstieg verbindlich festgeschrieben sein, ebenso wie ein Maßnahmenplan zur Digitalisierung und Verkehrswende.

  • Bild: Frank Peterschroeder

    Prof. Dr. Norbert Fisch | CEO EGS-plan Ingenieurgesellschaft für Energie-, Gebäude- und Solartechnik mbH; TU Braunschweig, Institut für Gebäude- und Solartechnik (IGS)

    1.„Vergütung“ tatsächlich nachgewiesener CO2-Einsparungen statt Förderung nach dem Gießkannen-Prinzip: Die Effizienz der bisherigen staatlichen Subventionen für vorwiegend investive Maßnahmen zur Energieeinsparung und der technischen Nutzung von Erneuerbaren Energien (EE) sind im Kontext der erzielten CO2-Reduzierungen fraglich. Was haben die Milliarden Steuergelder an tatsächlichen CO2-Einsparungen in den letzten 10 Jahren bewirkt? Das EEG ist in dem Kontext ein Erfolg, da nur real erwirtschaftete Erträge vergütet werden. Vergütungsmodelle können diskutiert werden.

    2. Schnelle Dekarbonisierung der „Energie-Infrastruktur“:

    Die mittelfristig gesteckten CO2-Ziele im Gebäudebereich erfordern eine beschleunigte Dekarbonisierung der Energieversorgung von Gebäuden. Der Anteil kohlenstoffarmer und erneuerbarer Energieträger in den Strom-, Gas- und Wärmenetzen muss deutlich erhöht werden. Die dezentrale und zentrale Strombereitstellung aus Sonnen- und Windenergie hat dabei eine Schlüsselrolle, insbesondere im Kontext des steigenden nutzerspezifischen Strombedarfs. Die Verringerung der CO2-Emissionen durch Reduzierung des Energieverbrauchs (Strom und Wärme) und die effiziente Nutzung von EE ist unter ökonomischen Ansätzen zu optimieren. Die bisherige Haltung „Zuerst Dämmen“, dann „EE Nutzen“, ist überholt und führt nicht a priori zur wirtschaftlich optimalen Lösung.

    3. CO2-Label für Gebäude einführen – „Klimaschutz first“: Zur Beurteilung der ganzheitlichen Gebäudeperformance ist dringend eine Neuorientierung im Kontext der Zielsetzung der Bundesregierung (80 Prozent CO2-Reduzierung bis 2050) erforderlich. Dazu sind bestehende Gesetze, Verordnungen und die Nachweisverfahren zum nachhaltigen Bauen zu vereinfachen und in Richtung eines holistischen Ansatzes für mehr Klimaschutz zu entwickeln. Die Einführung eines CO2-Labels für Gebäude (Bestand und Neubau) wird empfohlen, damit entsteht mehr Transparenz und Verständnis in der breiten Öffentlichkeit entsteht. Konkret wird vorgeschlagen:

    - Bilanzgrenzen erweitern und Nutzerstrom sowie E-Mobilität berücksichtigen

    - Aktuelle EnEV-Anforderungen beim baulichen Wärmeschutz festschreiben

    - EEWärmeG ersatzlos abschaffen, da Ziele deutlich verfehlt wurden

    - Quartiers-Ansätze entwickeln und in dem Kontext die Bilanzierung von importiertem „grünem Gas- und Strom“ ermöglichen

  • Bild: co2online

    Dr. Johannes Hengstenberg | Geschäftsführer co2online gGmbH

    Ab sofort:

    Erstens: Smart Meter für Erdgas und Fernwärme ohne BSI Schutzprofil für alle Wohngebäude mit mehr als 500 m2 Nutzfläche – weil große Gebäude keine natürlichen Personen im Sinne von § 3 Abs. 1 des BDSG sind und weil das Fehlen von täglichen Informationen über den Heizenergieverbrauch großer Gebäude dem Klima- und Verbraucherschutz massiv schadet.

    Zweitens: Der Versand von 16 Mio. Heizkostenabrechnungen per Email in maschinenlesbarer Form (CSV), weil sich nur so Transparenz bei der verbrauchsabhängigen Abrechnung herstellen lässt – beim Umgang mit Raumwärme und Trinkwarmwasser ebenso wie bei deren Erzeugung durch die Vermieter. Einsparung: 2,5 Mrd. € pro Jahr, 10 Prozent weniger Heizenergieverbrauch.

    Drittens: Heute ist jede zweite Gebäudemodernisierung ein Fehlschlag! Nur durch die erfolgs- und emissionsabhängige Förderung der Modernisierung erreichen wir die Klimaziele im Gebäudebestand. Das fördert Sorgfalt und Kompetenz bei der Modernisierung – und neue Vertragsformen, die den Erfolg und nicht die Kosten der Maßnahmen in den Mittelpunkt stellen.

  • Bild:IREES/Prof. Dr. Eberhard Jochem

    Prof. Dr. Eberhard Jochem | Senior Executive am Institut für Ressourceneffizienz und Energiestrategien (IREES)

    Gebäudebereich

    Im Gebäudebereich sollte ein Gebäudeenergiegesetz mit verschärften Anforderungen nicht nur beim Neubau, sondern insbesondere auch an den Gebäudebestand verabschiedet werden. Um die Transformation der Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien zu erreichen – dies sowohl dezentral als auch in Wärmenetzen – sollte der bestehende Politikmix um ein wirksames ökonomisches Instrument wie eine CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffe – analog zur Schweiz – ergänzt werden.

    Energieeffizienz-Netzwerke

    Energieeffizienz-Netzwerke (EEN) sind ein sehr effektives Instrument zur besseren Nutzung von Energie in der Wirtschaft. Hohe Rentabiltiät der Maßnahmen und ihre (durch EEN) verdoppelte Umsetzungsgeschwindigkeit stärkt die Wettbewerbsposition der Unternehmen und die Innovationen. Die Diffusion der EEN sollte beschleunigt werden durch Verschränkung der Netzwerkteilnahme mit den Ausnahmeregelungen bei der Energie- und Stromsteuer und der EEG-Umlage.

    Intensivierte Forschung & Entwicklung für energie- und treibhausgasintensive Prozesse von Grundstoff-Produktionen

    Ein Drittel der direkten industriellen Treibhausgas-Emissionen sind durch wenige energie- und kapitalintensive Prozesse der Grundstoff-Industrie bedingt (z.B. Hoch-, Zement- und Kalköfen, Ammoniak) – mit sehr langen Re-Investitionszyklen. Die Prozesse sollten durch intensivierte Forschung & Entwicklung bald substituierbar oder durch Nutzung des anfallenden CO2 (CCU) sehr emissionsarm werden. Die Nachfrage ist durch Verbrauchsabgaben reduzierbar.

    Und Ihre eigenen Forderungen an die neue Regierung?

    Was halten Sie von den Statements? Sind Sie positiv überrascht? Enttäuscht? Gelangweilt? Und welche drei Kernforderungen stellen Sie selbst an die neue Regierung? Wir würden uns sehr über Ihre Einschätzung freuen!

    Schreiben Sie uns doch einfach eine E-Mail an presse[at]energietage.de und teilen Sie uns Ihre Meinung zu den oben stehenden Kernforderungen an die neue Regierung mit – oder formulieren Sie gleich selbst drei Forderungen!

    Teilen Sie uns bitte auch mit, ob wir Ihren Input (ggf. anonym) auf dieser Webseite veröffentlichen und/oder Sie im Kontext dieses Projekts kontaktieren dürfen.

    Vielen Dank, wir freuen uns schon auf Ihren Input!